Konzerne in der Angelbranche

Konzerne in der Angelbranche auf Einkaufstour

von Stefan Tesch

Mit Rather Outdoors gibt es einen neuen Big-Player am Markt. Auch die anderen Konzerne in der Angelbranche – besonders Pure Fishing – kaufen zu. Schwierigkeiten bereitet die Produktion in Fernost.

Still und heimlich, so laufen die großen Deals in der Angelgeräteindustrie ab. Zumindest für den Konsumenten, denn die bekannten Marken, die wir aus den Regalen kennen, bleiben erhalten. Doch im Hintergrund ändert sich viel; sehr viel sogar. 2021 war trotz des Corona-Wahnsinns ein für die Branche richtungsweisendes Jahr. Denn die Konzentration am Markt, also die Bündelung von immer mehr Marken in den Händen von immer weniger Eigentümern, geht stetig voran.

Pure Fishing kauft Svendsen Sport

Kurz vor dem Drucktermin des Fischer Trend Report erreichte uns noch die Nachricht eines gigantischen Deals in der Angelindustrie. Der US-Konzern Pure Fishing (unter anderem mit den Marken Abu Garcia, Shakespeare und Berkley) kauft die in Dänemark ansässige Firma Svendsen Sport (DAM, Savage Gear,…). Pure Fishing ist im Besitz eines Private-Equity-Vehikels und gehört damit privaten Investoren. Schon bisher war Pure Fishing der kapitalste Fisch im internationalen Industriebecken (rund 13 Milliarden Euro Jahresumsatz). Dann folgte eine lange Pause bis zu Daiwa (die Angelsparte von Globeride mit rund 700 Millionen Euro), Shimano (570 Millionen Euro) und Rapala VMC (260 Millionen Euro).

Rather Outdoors schluckt Zebco und Fox

Nun baut Pure Fishing mit dem Zukauf von Svendsen Sport seine Dominanz weiter aus. Dabei hätte es im Laufe des Jahres 2021 fast so ausgesehen, als formiere sich ein weiterer Player, der in die Liga von Pure Fishing aufsteigen könnte. Rather Outdoors aus den USA verleibte sich nämlich W.C. Bradley, den Eigentümer von Zebco, ein. Im Jahr davor schnappte man sich schon Lew’s, wo auch die britische Firma Fox dazu gehört. Wie groß das neue Vehikel nun wirklich ist, kann man derzeit nicht in Umsatzzahlen fassen. Denn Rather Outdoors ist nicht wie die meisten anderen Konzerne an der Börse und somit keiner Veröffentlichung von Jahresabschlüssen verpflichtet. Das Portfolio an Marken unter dem Schirm von Rather Outdoors ist aber augenscheinlich (siehe Grafik) riesengroß und durchdringt viele Bereiche des Angelns. Ein Komplettanbieter mit viel Kraft am Markt.

Was Rather nun vor hat und was wir an weiteren Neuigkeiten erwarten dürfen, hätten wir gerne mit dem Unternehmen besprochen. Doch Interviewanfragen aus der Fisch Ahoi-Redaktion blieben unbeantwortet.

Investoren fahren auf Angelfirmen ab

In der Branche stoßen solche großen Deals naturgemäß nicht auf Wohlwollen. Zu groß ist die Angst, dass zu mächtige Konzerne die Preisgestaltung diktieren, da sie ja durch Synergieeffekte günstiger produzieren können. Andererseits stehen solche Big-Player in der Kreide ihrer Investoren. Markus Eilbert, Marketingleiter bei Balzer formuliert es so: „Nun sind Investoren auch auf die Angelbranche aufmerksam geworden.“ Er fragt sich, ob das nur ein Strohfeuer bleibt, denn „wenn Corona vorbei ist, wird die Zahl der aktiven Angler wieder zurückgehen“, so seine Prognose. Der erfahrene Balzer-Manager Eilbert sieht aber parallel zur stark gestiegenen Zahl an Anglern das Problem, die Ware nicht in den Handel und damit an den Kunden zu bekommen. Viele Konsumenten mussten es schon spüren: Die Angelgeräteindustrie leidet unter Lieferschwierigkeiten. Denn der Großteil unserer Ausrüstung wird ja bekanntlich in Fernost produziert und dort wurden wegen Corona bekanntlich Lockdowns mit dem totalitären Gewalthammer durchgezogen – Fabriksschließungen inklusive. Dazu kommt Sand im Getriebe der weltweiten Logistik, unter anderem ein Mangel an Containern und explodierte Transportkosten. Im Hause Balzer heißt das für die Saison 2022: „Wir konnten nur 50 bis 60 Prozent der geplanten Neuheiten realisieren“, so Eilbert.

Markus Eilbert, Marketingleiter bei Balzer, beobachtet zwar mehr Nachfrage nach Angelgerät, aber gleichzeitig steigen die Produktionskosten.

Teurere Produktion in Fernost, wenigKnow-how in Europa

Und noch etwas ist aus den Fugen geraten. Zwar sorgte die nun größere Schar an Anglern für ein Umsatzplus von rund 20 bis 30 Prozent quer durch die Hersteller, „doch auf der anderen Seite sind die Produktionskosten um 30 bis 40 Prozent gestiegen“, relativiert es Eilbert. Kosten, die man nicht von heute auf morgen an den Endkunden weitergeben kann. Die Margen sinken daher. So ist Balzer seit vergangenem Jahr darum bemüht, die Produktion in Europa zu etablieren. „In Osteuropa gibts noch einige Produzenten, aber die sind sehr klein“, so die bisherigen Erfahrungswerte. Es lassen sich also nur einzelne Zubehörteile in Europa produzieren. „Ruten und Rollen aus Europa made in Europe sind Utopie“, sagt Eilbert.

Ockert fertigt Schnüre in Deutschland

Paradebeispiel für einen europäischen Produzenten ist Ockert, besser bekannt mit der Marke Sportex. Das über 70 Jahre alte Unternehmen aus Bayern stellt Geflechtschnüre in Deutschland her. Man beliefert die Automobil-, die Medizintechnik und stellt Schnüre für Angler her, die unter dem Namen Climax bekannt sind. „Wir produzieren auch Schnüre für andere Hersteller“, verrät Felix von Nolting, Verkaufsleiter bei Ockert. Diese Whitelabel-Produkte aus dem Hause Ockert sind beliebter denn je, denn „die Zuverlässigkeit von Lieferungen aus Fernost ist derzeit nicht hoch“, resümiert von Nolting. Vor drei Jahren hat man den Vorfachhersteller Kryston dazugekauft. Ockert möchte auch weiterhin „nur“ in den Bereichen Schnüren und Ruten tätig sein. „Wir befriedigen Angler, nicht Aktionäre“, formuliert es Felix von Nolting. Apropos Ruten: Dort ortet man eine steigende Nachfrage bei Ultralight-Geräten sowie bei direkten, harten Spinnruten. Und Trends wären nichts ohne Gegentrend: Weiche, geschmeidige Ruten mit parabolischer Aktion erleben eine kleine Renaissance.

Felix von Nolting, Verkaufsleiter bei Ockert, ist stolz darauf, Geflechtschnüre in Deutschland zu produzieren und damit nicht von Lieferungen ausFernost abhängig zu sein.

Rapala wächst mit Okuma und 13 Fishing

Der Zusammenschluss des finnischen Wobblerherstellers mit der französischen Hakenschmiede VMC im Jahr 2001 zur Rapala VMC Corporation war unlängst auch auf Einkaufstour. Ins Netz gegangen ist die US-Firma 13 Fishing sowie die Markenrechte für Okuma in Europa und Russland. Verkäufer von letzterem ist die dänische Firma Svendsen Sport, zu der unter anderem Marken wie DAM und Savage Gear gehören. Rapala-Marketingmanager für Deutschland, Thomas Abicht dazu: „13 Fishing stammt aus Florida und verkörpert den modernen Kunstköderangler. Die Firma hat das Know-how für Brandbuilding und Produktentwicklung. Die Gründer haben sich das Ziel gesetzt, das, was die großen Hersteller können, besser zu machen.“ Weiße Rute und bunte Silicon-Cover für Baitcast-Rollen („Scull Cap“) sind Beispiele für das Erscheinungsbild dieser Marke. Für Rapala ist es ein jugendlicher Coolnessfaktor in der Markenfamilie. Cool ist auch wieder Altbewährtes. Bei Rapala selbst klappert und scheppert es ab sofort! Denn mit den Modellen Nauvo und Harmaja sind zwei neue Blechköder, alias Blinker, ins Sortiment gekommen. Und sie kommen in einer Kartonverpackung daher, um auf Kunststoff zu verzichten. Cyrille Viellard, Chef von VMC: „Alle Produkte unserer Gruppe gehen in Richtung bleifrei und keine Kunststoffverpackung. Es ist nur eine Frage der Zeit, aber es wird kommen. Wir machen es Schritt für Schritt.“

Rapala mit Ruten und Rollen von Okuma

Acht Millionen Euro haben Rapala die Marken- und Vertriebsrechte für Europa und Russland gekostet. Okuma ist Ruten- und Rollenhersteller mit Sitz in Taiwan. Für die auf Kunstköder und Haken fokussierte Rapala VMC Corporation bedeutet das, mit einem Schlag in vielen neuen Bereichen des Angelns zu operieren. Ein riesiges Sortiment an Ruten und Rollen kommt hinzu. „Okuma steht für gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und ein breites Anwendungsspektrum“, so Rapala-Marketing-Manager Thomas Abicht: „Von der Einsteigerkombo um 50 Euro bis zum High-End-Bereich ist alles dabei.“

Da Okuma ein eigenständiger Hersteller ist und bleibt, eröffnet sich für den Rapala-Konzern damit das Tor zur Ruten- und Rollenfertigung. Produziert wird größtenteils in Werken in China. VMC-Chef Cyrille Viellard dazu: „Wir haben jetzt einen Hub für unser Unternehmen in Taiwan dazubekommen, den wir Schritt für Schritt aufbauen.“

Fazit

Zwar sind Angelgerätehersteller mehr im Fokus von Investoren, die schnelles Geld statt langfristiger Markenentwicklung präferieren. Doch es kochen alle nur mit Wasser und sind auf die teils unzuverlässige Produktion in Fernost angewiesen. Die Verlagerung von Fabriken nach Europa könnte eine Konsequenz sein. Für kleine, regionale Hersteller könnte es die Chance sein, sich am Markt zu etablieren.

Dieser Artikel ist im Fischer Trend Report 2022 erschienen. Erhältlich am Kiosk, in diversen Angelläden, bei Messen oder einfach online bestellen.