Wiederansiedelung Lachs

Die Lachse sind zurück! Neuer Film über ihre Wiederansiedlung

Von Stefan Tesch

Der Film  „Lachs – quo vadis“ gibt Einblicke in die Wiederansiedlung des Atlantischen Lachses in Deutschland und der Schweiz. Die beiden Filmemacher Kristof Reuther und Jonas Steiner im Interview.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Film zum Thema Wiederansiedlung des Lachses zu gestalten?

Kristof: 2019 wurde der Atlantische Lachs in Deutschland zum Fisch des Jahres gewählt. Er stellt eine Gallionsfigur für alle Wanderfische dar und soll auf das Thema Fischwanderung und dessen Defizite in menschliche geprägten Lebensräumen aufmerksam machen. Filme sind das Medium der heutigen Zeit und bieten sich hervorragend dafür an, solch komplexe Themen anschaulich und informativ, gleichzeitig aber auch unterbewusst emotional aufzubereiten. Jonas studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH in Zürich, ich studiere Angewandte Gewässerökologie an der BOKU Universität in Wien, wir haben daher beide auch ein persönliches Interesse am Erfolg der Wiederansiedlung.

Jonas: Nachdem Kris und ich schon einige Male Kontakt hatten, konnte ich bei seinem Vorschlag eines Films über die Wiederansiedlung des Lachses in Deutschland schlicht und einfach nicht absagen. Gerade als ursprünglicher Basler, regelmäßiger Rheinschwimmer und Fischer kommt man schwer am Thema Lachs vorbei. Auch durch die Geschichte, die Deutschland und die Schweiz mit dem Lachs hat, sahen wir eine weitere Chance, nicht nur Fisch-Interessierte mit dem Film zu erreichen und das Thema zugänglicher zu machen.

Der Lachs muss zum Ablaichen bzw. für die Fortpflanzung die Flüsse hinaufziehen. Wie ist das trotz Verbauungen (z. B. Kraftwerke) trotzdem möglich?

Kristof: Der Mensch versucht seit Jahrhunderten, Gewässer für sich nutzbar zu machen, und das ist grundsätzlich auch verständlich. Besonders früher stellten sie neben einem Naherholungsraum unter anderem auch eine Nahrungsquelle und Handelsweg dar. Doch die Begradigung der Gewässer und der Bau von Staudämmen zerteilte sowohl Lebensräume als auch Populationen von Fischen und anderen Wasserlebewesen und degradierte deren Lebensräume. Besonders Wanderfische wie der Lachs, Aal oder Stör sind auf vernetzte Lebensräume zur Fortpflanzung bei ihrer Wanderung angewiesen. Und der Weg flussauf ist das eine, Atlantische Lachse müssen natürlich auch wieder flussab ins Meer gelangen, denn sie können in ihrem Leben mehrmals ablaichen. Die meisten der abertausenden Querbauwerke in Europe sind für Fische immer noch nicht durchgängig. Fischaufstiegsanlagen können die Wanderung flussauf zwar teilweise ermöglichen, flussab ist die übliche Route der Fische aber weiterhin durch die Turbine (siehe Barrier Atlas von Amber).

Jonas: Wie bereits von Kris gesagt sind Fischtreppen wichtig für den Aufstieg, und es gibt nach wie vor Defizite beim Abstieg der Fische. Grundsätzlich ist der Trend bezüglich mehr und besseren Fischtreppen aber erfreulich, und es ist doch einiges am geschehen, wenn auch teilweise schleppend. Auch gerade wegen dem Lachsprojekt der Rheinanliegerstaaten werden viele Maßnahmen umgesetzt. Davon profitieren auch Nicht-Wanderfische und Fische, die kurze Strecken wandern wie die Nase, welche auch wahnsinnige Bestandsrückgänge erlitt. Im Bezug auf die Lachsrückkehr in der Schweiz ist bezeichnend, dass drei französische Kraftwerke am Rhein nahe der Grenze noch nicht durchgängig sind, darum wird es wohl noch einige Zeit gehen, bis wir vermehrt Rückkehrer begrüßen dürfen.

Wie groß ist derzeit die Lachspopulation in deutschen und schweizer Flüssen? In welchen kommt er am häufigsten vor?

Kristof: Das lässt sich leider nur sehr schwer abschätzen. Zwar gibt es immer mehr Fischzählanlagen in Fischtreppen und Monitorings zum Aufkommen von Jungfischen, Fakt ist, dass die Zahlen im Vergleich zu früher auf einem desaströsen Niveau befinden. Der Rhein war früher das Hauptverbreitungsgebiet für den Atlantischen Lachs in Europa. Besonders in Baden-Württemberg und der Schweiz finden sich viele potenzielle Lebensräume zur Fortpflanzung und zum Aufwuchs der Jungfische. Da die großen Flüsse wie der Rhein in ein künstliches Korsett gezwängt sind und kaum mehr ausufern können, tiefen sie sich nach unten ein. Das führt dazu, dass die kleinen Zuflüsse, in denen die Lachse ablaichen wollen, durch den Höhenunterschied oft nicht mehr erreicht werden, gerade, wenn heiße Sommer zu niedrigen Wasserständen führen. Während vor rund einem Jahrhundert noch über 200.000 Lachse im Rhein gefangen wurden – aufgestiegen ist wohl ein Vielfaches davon – ist der Lachs heute vom Aussterben bedroht und darf nicht mehr im Rhein gefangen werden.

Jonas: Die jetzige Lachspopulation im Rhein ist sehr labil. Während in einigen Jahren viele Fische zum Laichen zurückkehrten, kam es immer wieder zu Rückschlägen. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht immer klar erkennbar.

Wie viel Arbeit steckt in eurem Film? Wie viel Zeit habt ihr mit Dreh und Schnitt verbracht?

Kristof: Den Gedanken für das Projekt hatte ich schon länger. Im Mai 2019 habe ich Jonas dann gefragt, ob er nicht Lust hätte, mir bei dem Filmprojekt über den Lachs zu helfen. Die ersten Dreharbeiten haben dann im Juni im Schwarzwald begonnen, Ende Dezember haben wir die letzten Arbeiten in Brandenburg gefilmt. Danach hat es eine ganze Weile gedauert die Stunden und Stunden an Material zu sichten und zu überlegen, wie sich die Geschichte am besten zusammensetzen ließe. Am längsten hat sicherlich die Postproduktion gedauert.

Was hat euch im Zuge der Dreharbeiten am meisten berührt oder überrascht?

Kristof: Unsere größte Hoffnung war es natürlich, selbst einmal einen wilden Lachs aus einem Deutschen Gewässer zu sehen und vor allem zu filmen. An der Stepenitz, einem Zufluss der Elbe, ist es an einem ziemlich regnerischen, kalten Tag Anfang Dezember dann tatsächlich passiert – das war natürlich ein Highlight, auch wenn es kein Riese war. Aber die Vorstellung, was dieser Lachs auf seiner Reise schon alles hinter sich haben musste, das war schon beeindruckend. Grundsätzlich haben wir uns gefreut so viele neue Bekanntschaften zu machen und überall wurden wir mit offenen Armen empfangen. Es war wirklich eine tolles und lehrreiches Projekt bei dem wir sehr viel über den Lachs erfahren haben. Trotzdem ist es jetzt auch mal gut, das Riesenprojekt fertigzustellen und es mit der Welt zu teilen zu können.

Jonas: Da kann ich nur zustimmen, die Passion für den Lachs, die all diese Leute mit sich bringen ist einfach super!

Wie habt ihr das Filmprojekt finanziert?

Kristof: Da das Projekt von uns selbst ins Leben gerufen wurde waren wir auf die Unterstützung von Sponsoren angerufen. Unsere Drehpartner, der Landesfischereiverband Baden-Württemberg, der WWF Schweiz und der Landesanglerverband Baden-Württemberg, haben den Film dankenswerterweise auch finanziell unterstützt. Zusätzlich haben wir eine Förderung durch den Free Rivers Fund aus Innsbruck erhalten. Das Projekt hatte unsererseits keine kommerziellen Absichten, dennoch freuen wir uns sehr, dass alle Ausgaben, ob für Reise, Equipment oder Lizenzgebühren, davon bezahlt werden konnten.

Für wen ist dieser Film gedacht?

Kristof: Wir hoffen, dass der Film die breite Öffentlichkeit erreichen wird um sie für Themen unterhalb der Wasseroberfläche zu sensibilisieren. Fische haben leider keine große Lobby, deshalb ist unser Ziel, auch solche Themen etwas weiter in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Im kommenden Frühjahr wollen wir Themenabende und Filmscreenings in unterschiedlichen Städten Europas veranstalten. Und jeder, der gerne Zeit an unseren Gewässern verbringt, sollte sich mit diesem Film hoffentlich identifizieren können. Wer weiß was uns sonst noch alles einfällt.

Die Filmemacher

Jonas Steiner studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich.

Kristof Reuther studiert Angewandte Gewässerökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Kristof machte bereits 2018 mit dem Film Fluss.Mensch.Zukunft auf sich aufmerksam. Gemeinsam mit dem Fischereiverein „Die Bewirtschafter“ zeigt er darin alternative, nachhaltige Wege der fischereilichen Bewirtschaftung von Fließgewässern.

Der Film

Für das Projekt waren Kristof und Jonas an verschiedenen Flüssen entlang des Rheins und der Elbe und haben die Arbeiten zur Wiederansiedlung dokumentiert. Dabei entstanden ist ein 38-minütiger Film, der die Probleme aber auch Fortschritte aufzeigt und sowohl Gewässerliebhaber als auch die breite Bevölkerung ansprechen soll.

Falls die Einbettung des Videos nicht funktioniert, geht es hier zum Film auf YouTube.

Die Mission

Mit einem Spendenaufruf wollen die Filmemacher einen Beitrag zum Populationsschutz des Lachses in seinem ehemaligen Haupt-Verbreitungsgebiet leisten. Der Erlös geht zu 100 Prozent an ausgewählte Vereine oder Organisationen. Diese arbeiten sowohl in der Aufzucht der Besatzfische, führen Monitorings durch oder stellen Lebensräume wieder her, sodass der Lachs wieder erreichen und nutzen kann.

Mehr über die Wiederansiedlungsprojekte des Atlantischen Lachses in Deutschland gibt es in der Deutschland-Ausgabe des nächsten Fischer Trend Report (erhältlich ab Jänner 2021) zu lesen. Hier kannst du das Buch zum ermäßigten Preis vorbestellen.


Aufmacherfoto: Kristof Reuther